Projekt Care & Demokratie: Multiplikator*innen mit Educación Popular & Theater der Unterdrückten

Zwischen dem 30. Oktober und dem 18. Dezember 2025 fand im Bildungszentrum Lohana Berkins in Berlin die Workshopreihe „Care & Demokratie: Multiplikator*innen mit Educación Popular & Theater der Unterdrückten“ statt. Sie wurde vom Verein Bildung von Unten organisiert und von der Stiftung Care for Future finanziert. Insgesamt nahmen 18 Personen aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Initiativen, migrantischen Gruppen und selbstorganisierten Projekten teil. Viele von ihnen sind bereits politisch oder sozial engagiert und suchten nach neuen Methoden, um ihre Arbeit weiterzuentwickeln und Erfahrungen aus ihren Communities in politische Bildungsarbeit zu übersetzen.

Im Verlauf von sieben Workshops und einer öffentlichen Abschlussveranstaltung beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den Themen Care-Arbeit, Migration, Diskriminierung und demokratische Teilhabe. Ausgangspunkt war die Frage, welche Rolle Sorgearbeit in einer Gesellschaft spielt, die einerseits stark auf Digitalisierung, Effizienz und technologische Innovation setzt, in der andererseits jedoch grundlegende Formen des sozialen Zusammenhalts weiterhin auf menschlicher Care-Arbeit beruhen.

Ein zentrales Thema der Diskussionen war der Widerspruch zwischen digitaler Transformation und sozialer Realität. Obwohl viele gesellschaftliche Bereiche zunehmend digital organisiert werden, bleibt Sorgearbeit – etwa in der Pflege, in der Kinderbetreuung oder in informellen Unterstützungsnetzwerken – weiterhin stark körperlich und beziehungsorientiert geprägt. Gleichzeitig wird diese Arbeit gesellschaftlich oft unsichtbar gemacht oder gering bewertet. In Deutschland zeigt sich zudem deutlich, dass Care-Arbeit in besonderem Maße von Frauen, queeren Personen und insbesondere von Migrant*innen getragen wird.

Viele Teilnehmende berichteten aus eigenen Erfahrungen oder aus ihren Communities, dass sich hier ein Kreislauf der Prekarisierung zeigt: Restriktive Migrationspolitiken begrenzen häufig den Zugang zu stabilen Arbeitsverhältnissen und sozialen Rechten. Gleichzeitig führt die strukturelle Nachfrage nach Care-Arbeit dazu, dass migrantische Frauen und FLINTA-Personen überproportional in niedrig bezahlten, unsicheren oder informellen Arbeitsverhältnissen im Pflege- und Betreuungsbereich beschäftigt sind. Diese Dynamik wird oft als Feminisierung der Care-Arbeit beschrieben und prägt auch den deutschen Arbeitsmarkt. Vor diesem Hintergrund bot die Workshopreihe einen Raum, um diese Erfahrungen gemeinsam zu analysieren und in politische Bildung zu übersetzen. Methodisch arbeiteten wir mit Ansätzen der Educación Popular nach Paulo Freire sowie mit Übungen aus dem Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal. Beide Methoden setzen an den Erfahrungen der Teilnehmenden an und verbinden persönliche Reflexion mit kollektiver Analyse und Handlung.

In den Workshops reflektierten die Teilnehmenden zunächst ihre eigenen Erfahrungen mit Migration, Care-Arbeit und gesellschaftlichen Ausschlüssen. Anschließend wurden diese Themen in Gruppenarbeit und szenischen Übungen weiterentwickelt. Durch die Verbindung von Gespräch, Reflexion und körperlicher Arbeit konnten abstrakte gesellschaftliche Fragen konkreter erfahrbar gemacht werden.

Eine Herausforderung bestand zu Beginn darin, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle Teilnehmenden wohlfühlen, persönliche Erfahrungen einzubringen und mit theaterpädagogischen Methoden zu experimentieren. Viele kannten politische Diskussionen über Care-Arbeit oder Diskriminierung bereits aus aktivistischen Kontexten, hatten jedoch selten Gelegenheit, diese Themen mit kreativen und körperlichen Methoden zu bearbeiten. Mit der Zeit entstand eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der gemeinsame Analyse und kreative Praxis zunehmend zusammenfanden.

Besonders wertvoll war für viele Teilnehmende die Erfahrung, dass die Methoden nicht nur für Bildungsarbeit geeignet sind, sondern auch als konkrete Werkzeuge für politische Praxis genutzt werden können. Mehrere Teilnehmende berichteten am Ende der Workshopreihe, dass sie Elemente der Educación Popular oder des Theaters der Unterdrückten in ihre eigenen Projekte, Gruppen oder Initiativen integrieren möchten. Auf diese Weise kann das Gelernte auch über das Projekt hinaus weiterwirken.

Die Workshops fanden im Bildungszentrum Lohana Berkins statt, einem selbstorganisierten Bildungsraum in Berlin, der insbesondere für migrantische Communities politische Bildung und kulturelle Aktivitäten organisiert. Der Raum bot einen wichtigen Rahmen für Austausch, gemeinsames Lernen und kollektive Reflexion.

Das Projekt hat gezeigt, dass Methoden der Educación Popular und des Theaters der Unterdrückten auch im Berliner Kontext ein großes Potenzial haben, um gesellschaftliche Fragen gemeinsam zu analysieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

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