Feministisches Jugendcamp 2026 in Heideruh

Vom 9. Bis zum 12. Juli fand in der antifaschistischen Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh in Buchholz in der Nordheide das fünfte Feministische Jugendcamp statt. Die etwa 60 Teilnehmenden verbrachten auf dem Gelände im Wald zusammen vier Tage mit Bildungs- und Aktivworkshops, Vernetzung, Austausch und gemeinsam gestaltetem Kultur- und Abendprogramm. Es fanden außerdem ein Generationengespräch mit der Zeitzeugin Norma van der Walde und eine Party statt. Zentraler Fokus lag dabei auf unserer gemeinsamen politischen und persönlichen Handlungsfähigkeit. Teil des vielfältigen Programms auf dem Camp waren drei Workshops, die Care for Future unterstützt hat.

Rassismuskritisch Leben und Kritisches Weißsein in politischer Arbeit für nachhaltige Veränderung mit Monisha Moreau

Foto 1: Feministisches Jugendcamp Heideruh

Zum Hintergrund: Damit Gruppen und Kollektive in nachhaltigen Transformationsprozessen wirken können, braucht es einen langen Atem und tragfähige Beziehungen. Dafür braucht es unweigerlich auch eine Auseinandersetzung mit Machtdynamiken in Beziehungen und Beziehungsnetzen, um zu lernen, solidarisch in Verbindung zu sein und Verantwortung füreinander und die gemeinsamen Ziele zu tragen. Mit der Referentin, Pädagogin und kritischen Prozessbegleiterin Monisha Moreau haben wir uns in einem vierstündigen Workshop einer beziehungsorientierten Perspektive auf kritisches Weißsein genähert und Zukunftsvisionen für Veränderungen in unseren eigenen Leben entwickelt. Der Workshop war auf dem sehr weiß geprägten Camp ein wichtiger Ankerpunkt für selbstkritische Auseinandersetzungen damit, wie Rassismus in unsere feministische Praxis, die oft in nahen Beziehungen stattfindet, eingebettet ist und wo wir Handlungsspielräume sehen, diese Strukturen aufzubrechen.

Zum Ablauf: Rassismus und rassistische Denkmuster und Verhaltensweisen gehören zu unserer Gesellschaft, unserem System und dadurch zu unser aller Lebensrealität mit dazu. Rassismus wirkt in unseren engsten Beziehungen – in romantischen Beziehungen, Familien, Freund*innenschaften, WGs, Kollektiven, in der Politarbeit, in Bands und Freizeitgruppen. In diesem Workshop ging es darum, diese Dynamiken in den sehr nahen Beziehungen und Verbindungen sichtbar zu machen und besser zu verstehen. Dafür haben wir uns folgende Fragen gestellt:

Wie zeigt sich Weißsein im Alltag von Nahbeziehungen? Welche Rollen, Erwartungen und Verletzungen entstehen daraus? Was bedeutet es, Verantwortung zu übernehmen, und dabei nicht sich und die Verbindung zu verlieren, sondern zu wachsen?

Der Workshop war sehr persönlich und fand in einem geschützten Rahmen statt, Besprochenes bleibt also in der Runde der anwesenden Teilnehmer*innen. Es wurde mit der eigenen Biografie gearbeitet und die zentralen Fragen wurden immer in Bezug auf das eigene Leben und die eigenen Beziehungen gestellt und besprochen, um rassismuskritische Alltagspraxis greifbar zu machen und nicht in eine unverbindliche Ferne zu rücken.

In unterschiedlichen Methoden in Klein- und Großgruppen und in Einzelarbeit haben die Teilnehmer*innen erarbeitet, welche rassistischen Denkmuster ihre Beziehungen prägen, und was daraus Ausbrechen im Kleinen und Konkreten bedeuten kann. Dabei ging es auch um die Verbindungen von feministischen und antirassistischen Kämpfen in nahen Beziehungen.

Zur Wirkung: In diesem Workshop sind Teilnehmende mit sehr unterschiedlichen Erfahrungs- und Wissensständen aufeinandergetroffen und haben die Erfahrung gemacht, sich auch mit Unsicherheiten und Fragen zu öffnen und voneinander zu lernen. Zukunftsvisionen für eine Welt, in der wir leben wollen, standen im Mittelpunkt. Die daraus entstehende Intimität ist ein zentraler Bestandteil der Basis, auf welcher langfristige Vernetzung und politisches Engagement über das Camp hinaus entstehen und entstanden. Aus Wünschen der Teilnehmer*innen und in Absprache mit der Referentin ist das Vorhaben entstanden, im Laufe des Jahres einen Folgeworkshop zu organisieren, um die angefangenen Themen weiter zu verfolgen und Kontinuität in unsere persönlichen und kollektiven Auseinandersetzungen mit Rassismus in unserem Alltag zu bringen.

Lagenanalyse – und was jetzt?! Orientierung finden und in Bewegung bleiben

Foto 2: Feministisches Jugendcamp Heideruh

Zum Hintergrund: In wechselnden Reflexions- und Diskussionsformaten haben wir uns mit unserer eigenen feministischen Praxis auseinandergesetzt. Was hat mich bis jetzt dieses Jahr beschäftigt? Was ist auf globaler und lokaler Ebene passiert, was hat mich auf persönlicher Ebene beeinflusst? Gemeinsam haben wir uns einen Überblick verschafft, um zu verstehen, wo wir stehen und von da aus nach vorne blicken: Welche Herausforderungen ergeben sich aus der gegenwärtigen Lage? Was braucht es jetzt, konkret und von uns? Welche Räume, welche Aktionen, welche Allianzen? Anknüpfend an das letzte feministische Jugendcamp, bei dem ein ähnliches Format stattgefunden hat und mit Blick auf kommende Camps, haben wir mit diesem Workshop einen Raum geschaffen, der Kontinuität, langfristige gemeinsame Entwicklungsprozesse und Bezug zu Vergangenheit und Zukunft über das diesjährige Camp hinaus ermöglicht. Dabei war die Frage zentral, welche Rolle das feministische Jugendcamp selbst persönlich und politisch für uns hat und wie wir es nutzen wollen als Ort, der uns Orientierung bietet und ein Sprungbrett für unser politisches Handeln nach dem Camp sein kann.

Zum Ablauf: Wir haben kleinteilig in mehreren Blöcken gearbeitet und verschiedene Methoden ausprobiert. Es gab Kleingruppenphasen für intensiveren Austausch, ein World Cafe und gemeinsames Mapping mit visuellen Elementen und Bewegung. Es ging bei diesen Methoden vor allem darum, sichtbar zu machen, wie viel Wissen und Ideen Teilnehmende bereits mitbringen und Orientierungshilfen zu geben bei der Reflexion, was sie besonders bewegt. Das Format war auch durch belebten Austausch über und Anknüpfungspunkte an bereits bestehende Projekte und Vernetzungen geprägt, die wichtig sind, damit lokale und regionale Strukturen fortbestehen können. In der letzten Phase war Raum für Feedback, welches direkt in den Lagenanalyse-Workshop des nächsten Camps einfließen wird.

In Form von Reflexionsfragen zur Vorbereitung sowie Anstößen und einem gemeinsamen Ausblick nach dem Workshop, sowie durch Querbezüge zu anderen Programmpunkten, konnte Besprochenes als roter Faden immer wieder aufgegriffen werden. weshalb der Lageanalyse-Workshop von vielen als ein Herzstück des Camps wahrgenommen wurde.

Zur Wirkung: Schon der Entstehungsprozess des Workshops war von engmaschiger Zusammenarbeit und inhaltlichem Ausloten mit der Camp-Orga geprägt. Durch die Rückbezüge auf vergangene Camps und Einbinden des weiteren Programms hat der Workshop unseren Bezug zum Veranstaltungsort Heideruh, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden ist,  gestärkt und die Auseinandersetzung mit den tiefen Wurzeln politischen Widerstands gegen Faschismus hat in den Teilnehmenden viel Hoffnung, Respekt und Tatendrang im Angesicht des aktuellen Rechtsrucks ausgelöst. Durch die gemeinsame Reflexion im Lageanalyse-Workshop sind nach dem Camp auch einzelne Teilnehmer*innen mit Norma van der Walde in Kontakt geblieben, um aufbauend auf ihrer Arbeit als Zeitzeugin an Schulen in Zukunft zusammenzuarbeiten. Außerdem ist bei allen ein klares Bewusstsein dafür entstanden, gemeinsame Interessen und Verantwortung zu teilen, wenn es um die Gestaltung gemeinschaftlicher und feministischer Räume geht, insbesondere in ländlichen Regionen wie der Nordheide. Der Workshop hat die Rolle des feministischen Jugendcamps sowohl als wertvollen Bezugspunkt für Jugendliche in der Region als auch für politische Vernetzung zwischen Stadt und Land unterstrichen und dabei deutlich gemacht, dass Selbstorganisierung eine wichtige Praxis ist, um als Teil einer aktiven Zivilgesellschaft solche Bezugspunkte zu erschaffen und erhalten. Konkret ist aus dem Workshop auch entstanden, dass einige Teilnehmer*innen Lust haben, in Zukunft das feministische Jugendcamp selbst mitzuorganisieren. Das spricht dafür, dass der Workshop auch eine selbstermächtigende Wirkung hatte. Bei den Teilnehmer*innen ist ein Gefühl entstanden, sich selbst mehr zutrauen zu können und sowohl mit Unsicherheiten und Ängsten als auch mit Mut und Handlungsimpulsen nicht alleine zu sein.

Demopraxis 1×1: Werkzeug für Aktionen

Foto 3: Feministisches Jugendcamp Heideruh

Zum Hintergrund: Viele Ideen – aber wie umsetzen? In einem praktischen Skillshare-Format haben wir an die verschiedenen Erfahrungs- und Wissensstände der Campteilnehmenden angeknüpft. Der Workshop hat das nötige Grundwissen vermittelt, das es braucht, um selbstbewusst öffentlich wirksame Aktionen durchzuführen. Es ging darum, Hürden aufgrund von Unsicherheit zu rechtlichen Fragen, bürokratischen Abläufen und Sicherheitsbedenken abzubauen und Teilnehmende so zu Flexibilität und Reaktionsfähigkeit in ihrem politischen Engagement zu ermächtigen.

Zum Ablauf: Der Workshop hat als lockere Gesprächsrunde stattgefunden, in der die Referent*in viel aus der eigenen langjährigen Erfahrung berichtet hat und die Teilnehmenden ungezwungen Fragen stellen konnten. Es gab verständliche Schritt für Schritt Erklärungen zu Dingen, die viele von uns noch nie gemacht haben, die aber wichtige politische Werkzeuge sind, auf die eigentlich alle Zugriff haben: Wie melde ich eine Demo an? Was ist der rechtliche Unterschied zwischen einer Versammlung und einer Veranstaltung? Welche kreativen Protestformen gibt es und wer kann bei ihnen mitmachen? Wie kann bei kleinen Aktionen Kontakt mit der Presse und der Öffentlichkeit aussehen? Was ist rechtlich erlaubt und wird trotzdem manchmal verhindert, und wie setzen wir dann unsere Rechte durch? Zu den Erfahrungsberichten der Referent*in wurden viele inspirierende Fotos gezeigt, und die Teilnehmer*innen konnten eigene Erfahrungen ergänzen. Zum Schluss gab es einen Austausch dazu, was wir aus dem Workshop mitnehmen. Die Stimmung im Workshop war sehr angenehm und hoffnungsvoll und hat zu einem runden Abschluss des gesamten Camps beigetragen.

Zur Wirkung: Der Workshop hat sich vor allem dadurch ausgezeichnet, viele greifbare und praktische Antworten auf Fragen zu liefern, die sich vorher groß und einschüchternd angefühlt haben. Die verständlichen Erklärungen von Abläufen in Kombination mit Beispielen aus gelebter Praxis haben Ängste genommen und vielen Teilnehmenden Werkzeuge an die Hand gegeben, um ihre Ideen für politische Aktionen tatsächlich umzusetzen. Der Erfahrungsschatz und die ermutigende Art der Referentin hat genau wie die gegenseitige wohlwollende Bestärkung der Teilnehmenden dazu geführt, dass wir politisch aktive Vorbilder die uns inspirieren auf einmal nicht mehr als etwas weit entferntes wahrgenommen haben, sondern sie in unseren eigenen Kreisen und in uns selbst sehen konnten. Der Workshop war durch seine Nähe zur Praxis ein Höhepunkt für das campübergreifende Thema der Handlungsfähigkeit und hat spürbar gemacht, dass die Teilnehmenden im Laufe des Camps als Gruppe zusammengewachsen sind und viel Lust haben, auch in Zukunft zusammen politische Arbeit zu machen und sich weiter kennenzulernen, auf den kommenden Jugendcamps und darüber hinaus.

Danke an Care for Future, dass ihr diese tollen Workshops ermöglicht habt und das feministische Jugendcamp 2026 deshalb mit so einem spannenden und abwechslungsreichen Programm stattfinden konnte!

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