Workshops auf dem 17. Bundeskongress der Medibüros
Hamburg, 12.-13.9.2026
Am 12. und 13.09.2026 fand in Hamburg der 17. Bundeskongress der MediBüros und MediNetze statt. MediBüros wie MediNetze sind ehrenamtlich getragene, nicht staatliche Strukturen, die Menschen ohne Krankenversicherung unabhängig vom Aufenthaltsstatus kostenlos und anonym medizinische Hilfe vermitteln. Dabei ermöglichen sie als niedrigschwellige Anlauf- und Beratungsstellen einen anonymen, kostenfreien und sicheren Weg ins medizinische Regelsystem. Die Gründe für eine eingeschränkte oder fehlende Krankenversicherung in Deutschland sind vielfältig, Beitragsschulden bei der gesetzlichen Krankenversicherung, illegal Beschäftigte ohne Versicherung im Heimatland, oft im Handwerk oder in der Landwirtschaft tätig, sowie Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus oder im Asylbewerberleistungsbezug. MediBüros und MediNetze beraten anonym, niedrigschwellig und kostenfrei, die vermittelten medizinischen Leistungen werden durch Spenden finanziert. Bundesweit gibt es aktuell 39 MediBüros und MediNetze, mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit leisten sie einen entscheidenden Beitrag zur Gesundheitsversorgung besonders marginalisierter Gruppen.
Im Rahmen des 17. Bundeskongresses in Hamburg haben sich über 70 Aktivist*innen aus den lokalen MediBüros und MediNetzen für Austausch, Vernetzung und Skill-Sharing in Hamburg getroffen. Die großzügige Unterstützung der Stiftung Care for Future hat uns dabei ermöglicht, ein inspirierendes, vielfältiges und engagiertes Programm zu bieten. Neben fachlichem Austausch, Skill-Sharing und Best-Practices sowie Fachvorträgen zu Themen wie Abschiebungen aus dem Krankenhaus oder der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems lag ein Fokus des Programms auf dem Empowerment der Aktivist*innen sowie der kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Strukturen.

In einem Workshop zu Abschiebungen aus dem Krankenhaus wurden die negativen gesundheitlichen Folgen einer drohenden Abschiebung anhand von Rollenspielen erlebbar. Besonderer Fokus lag dabei auf der psychischen Gesundheit der Betroffenen. Anhand mehrerer Beispiele wurden Szenarien erörtert, in denen Abschiebungen auch aus geschützten Räumen, wie Krankenhäusern, stattfinden. Wir besprachen rechtliche Vorgaben eines Polizeieinsatzes, nötige Voraussetzungen und mögliche Maßnahmen, um Patientinnen vor einem vorzeitigen Behandlungsende zu bewahren. Eingegangen wurde auf Maßgaben bei ärztlichen Gutachten, rechtliche Vorgaben bei richterlichen Beschlüssen und wie Gesundheitspersonal sich gegen eine Abschiebung wehren kann. Dies betrifft z.B. die Entlassung gegen ärztlichen Rat, Ausübung des Hausrechts, Verweigerung von Weitergabe von Patientinnen-Daten unter Hinweis auf die Schweigepflicht.
Ein besonderes Highlight des Programms war ein Workshop zum Thema Selbstfürsorge im Aktivismus. In der Arbeit mit Menschen ohne Krankenversicherung kommen Aktivistinnen regelmäßig in Kontakt mit Menschen in besonders belastenden Lebenslagen. Auch die wahrgenommene Handlungsunfähigkeit gegenüber Behörden, Sozialämtern und der Politik wird immer wieder von Aktivistinnen in unseren Strukturen als herausfordernd wahrgenommen. Eine Teilnehmerin des Bundeskongresses schildert ihre Erfahrungen aus dem Workshop so:
„Heute durfte ich an einem Workshop zum Thema `Selbstfürsorge zwischen Engagement und Ohnmacht` beim Medibüro-Bundeskongress teilnehmen und möchte gerne meine Erfahrung mitteilen. Wir waren 20 Teilnehmende aus verschiedenen MediBüros aus Hamburg, Kiel, Dresden, Jena, Aachen, Bonn, Heidelberg und anderen Städten, sowie zwei Referentinnen, Kirstin und Julia, Psychologin und Pädagogin von Centra Hamburg, dem Zentrum für traumatisierte Geflüchtete. Zunächst hatten wir eine sehr schöne Möglichkeit, uns ein bisschen näher kennenzulernen, bevor wir in ein wichtiges Thema eingetaucht sind, welches viele von uns tatsächlich beschäftigt, über das aber selten laut gesprochen wird.

Die Referentinnen haben viel erzählt, worauf man achten sollte, um Stress bei sich selbst rechtzeitig zu erkennen und wie man damit umgehen kann. Dann haben sie uns mehrere Fragen gestellt, die zum Ausgangspunkt für die Arbeit in Kleingruppen wurden: Wie bemerken wir die ersten Anzeichen von Stress bei uns selbst? Was hilft in solchen Momenten wirklich? Auf welche Ressourcen, Menschen, Gewohnheiten und Orte können wir uns verlassen? Die Diskussion in den Gruppen war sehr ehrlich: Alle teilten nicht nur mit, was funktioniert, sondern auch, worauf sie noch keine Antwort gefunden haben. Das Wertvollste für mich war die Erkenntnis, dass meine derzeitigen Selbsthilfestrategien in Zukunft, als Ärztin, vielleicht gar nicht mehr funktionieren werden. Es war wichtig für mich zu hören, wie Kolleg*innen, die diesen Weg schon vor mir gegangen sind, mit ähnlichen Herausforderungen umgehen. Da die meisten Ehrenamtlichen ihre Arbeit im Medibüro mit der Medizin- oder Sozialarbeit verbinden, hat dieses Seminar eine seltene Gelegenheit geboten, endlich einmal an sich selbst zu denken und nicht an die Aufgaben und die Menschen, denen wir helfen. Solch ein sicherer Raum zum Nachdenken über Themen, die normalerweise unter dem Motto „Wir müssen stark bleiben und durchziehen“ verschwiegen werden, hat mir wirklich gutgetan — und genau deshalb finde ich die Unterstützung solcher Formate so wertvoll.“
