Vernetzungstreffen des Emanzipatorischen Landwirtschaftsnetzwerks (ELAN)

September 2026

Im September 2026 veranstaltete das ELAN-Netzwerk das diesjährige Vernetzungstreffen. Das ELAN ist ein offener Zusammenschluss von Frauen, Lesben, Trans*, Inter*, Nicht-binären und Agender-Personen (FLINTA*) aus allen Bereichen der Landwirtschaft. Das Netzwerk setzt sich für die Sichtbarkeit und Stärkung emanzipatorischer und intersektionaler Themen ein, die mit Geschlechterverhältnissen in der Landwirtschaft zusammenhängen. Dazu gehören beispielsweise Queerfeindlichkeit, Saisonarbeit und Rassismus, die Zunahme rechter Politik sowie die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und Klimakrise. Mit verschiedenen Formaten wie jährlichen Netzwerktreffen, Regionalgruppen, Skillsharing-Workshops, queerfeministischen Demoblöcken, Zines, Vernetzung im wissenschaftlichen Bereich und der Beteiligung an politischen Diskursen und Debatten wollen wir diesen Themen Raum geben.

Transparent Care
Foto 1: Transparent „Kollektive Care Krawalle“

Das diesjährige Netzwerktreffen fand in der Kommune Volzendorf im Wendland statt. Es richtete sich sowohl an Menschen, die bereits im Netzwerk aktiv sind, als auch an FLINTA*, die neu dazukommen und sich vernetzen möchten. Knapp 100 Teilnehmende hatten hier die Gelegenheit, sich kennenzulernen, auszutauschen, gemeinsam und voneinander zu lernen und Betriebe in der Umgebung zu entdecken. Über vier Tage hinweg gab es ein buntes Programm mit über 20 Programmpunkten: Neben Praxis-Skillshares zur Kettensägen-Wartung, Dengeln und Schweißen, wurden u.a. Workshops zu Öffentlichkeitsarbeit, White Supremacy Culture und ein Argumentationstraining gegen Rechts angeboten, sowie wertvolle Diskussionen zur Weiterentwicklung der Netzwerkarbeit geführt. Ebenso wichtig wie ein abwechslungsreiches Programm war die gemeinsame Gestaltung und Organisation des Alltagslebens auf dem Treffen, zu der alle Teilnehmenden beitrugen. Das beinhaltete u.a. ein tägliches Morgenplenum und die Aufteilung von Reproduktionsarbeiten, wie Gemüse schnippeln für die Küfa (Küche für alle), Toiletten putzen oder Menschen vom nächstgelegenen Bahnhof abholen.

Mit Unterstützung der Care for Future Stiftung konnten vier verschiedene Workshops und Exkursionen zu unterschiedlichen Orten realisiert werden.

Dazu gehörte unter anderem ein Workshop, der einen Austausch mit Gewerkschafter*innen von den „Jornaleras de Huelva en lucha“ aus Huelva ermöglichte, die über die Arbeitsrealitäten im Beerenanbau berichteten. Im Frühjahr 2026 waren drei Menschen aus dem ELAN-Netzwerk nach Huelva in Andalusien (Spanien) gereist und hatten dort die „Jornaleras de Huelva en lucha“ (JHL) besucht. Diese setzen sich vor Ort für die Rechte der (oft migrantischen) Saisonarbeiter*innen ein und unterstützen sie in Arbeitskämpfen. Im Rahmen des Netzwerktreffens konnten nun zwei Aktivist*innen von JHL ins Wendland kommen und am ELAN-Treffen teilnehmen. Während des gemeinsamen Workshops gaben sie Einblicke in die Lebens- und Arbeitsrealitäten im Beerenanbau in Huelva und berichteten von ihrer Arbeit und ihren Kämpfen. Außerdem wurde ein Überblick über die soziale und ökonomische Situation der Region gegeben sowie über die besondere Belastung der Umwelt und Wasserressourcen durch den intensiven Beerenanbau, den Kupferabbau, die Herstellung chemischer Düngemittel und die (illegale) Entnahme von Wasser aus Naturschutzgebieten. Auch die Erfahrungen und Eindrücke vom Besuch in Huelva wurden im Workshop geteilt. Zum Abschluss tauschten sich die Teilnehmenden über Möglichkeiten einer weiteren Zusammenarbeit zwischen JHL und ELAN aus. Dabei entstanden zahlreiche Ideen, wie wir auch in Zukunft unsere Kämpfe verbinden, unsere Beziehungen pflegen und uns gegenseitig unterstützen können.

Eine Exkursion führte die Teilnehmenden zur Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) Kaulitz. Diese besteht aus einem FLINTA*-Team, das seit 2021 Gemüse anbaut und dieses solidarisch an seine Mitglieder verteilt. Teile des Teams verstehen sich als aktiven Teil des ELAN-Netzwerks, weshalb die Freude besonders groß war, Menschen vom Netzwerktreffen vor Ort willkommen zu heißen. An der Führung nahmen ungefähr 25 Menschen teil. Eine Besonderheit der Solawi ist, dass sie nach dem Prinzip „Nimm so viel du brauchst“ funktioniert. Das Gebäude steht allen offen, und viele Menschen kommen vorbei. Auf dem Gemüseacker wird viel Wert auf (Bio)diversität gelegt. Alles wird von Hand angebaut, Maschinen kommen nicht zum Einsatz. Dafür gibt es Laufenten und viele selbstgebaute Konstruktionen, wie beispielsweise das selbst geschweißte Tomatengestell. Außerdem wurde bei der Führung viel über den eigenen Samenbau erzählt, der eine weitere Besonderheit in Kaulitz darstellt. Die Solawi Kaulitz ist mehr als ein Ort des Gemüsebaus: Über den Acker hinaus werden Brücken zu anderen Dorfbewohner*innen geschlagen, etwa durch das Nachbar*innenschaftscafé oder den Umsonstladen.

Eine weitere Exkursion führte zu Lauras Betrieb in Ritzleben. Im Innenhof zwischen zwei alten Backsteingebäuden versammelten sich die Teilnehmenden, und Laura erzählte von der Familien- und Entstehungsgeschichte des Hofes. Anschließend führte der Rundgang an den frisch geernteten Kartoffeln und der Kühlung vorbei. Kartoffeln sind die Hauptkultur des Betriebs. Laura erklärte die optimalen Lagerbedingungen und erläuterte, wie der Verkauf der Kartoffeln abläuft. Da der Betrieb – wie viele andere Betriebe auch – oft Schwierigkeiten haben, all ihre Kartoffeln zu einem angemessenen Preis loszuwerden, müssen die Menschen auf dem Betrieb kreativ werden. Laura und ihre Mitstreiter*innen haben deshalb einen Plan B entwickelt: Sie haben ein System geschaffen, über das sie auch Kartoffeln zweiter Klasse verkaufen können. Dafür bauen sie mittlerweile sogar extra Sorten an. Laura erzählte zudem, dass sie für ihr neues Agroforstprojekt von benachbarten Bäuer*innen Unverständnis entgegengebracht bekommt. Besonders intensiv beschäftigte die Teilnehmenden der Austausch über Lauras Position als FLINTA*-Person in der Hauptverantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb. Dabei ging es darum, was diese Rolle für ihren Alltag bedeutet und welche Überlastung damit einhergeht.

Foto 2: Gemeinsamer Rundgang

Zudem fand eine weitere Führung direkt vor Ort in Volzendorf statt, wo das ELAN-Vernetzungstreffen als Camp aufgebaut war. Hier befinden sich zwei Kommunen, die beide bereits seit einigen Jahren bestehen. Die gastgebenden Hofprojekte verstehen sich als politische Kommunen. Das sind Orte, an denen Menschen gemeinschaftlich leben, Privateigentum nur in geringem Umfang existiert und Entscheidungen im Konsens getroffen werden. Grundlage dafür sind ein linkes Politikverständnis und ein nachhaltiger Lebensstil. Das Haus und das Gelände sind Vereinseigentum; eine Privatisierung ist ausgeschlossen. Die Mitbewohnenden nutzen Fahrzeuge, Werkzeuge, Gemeinschaftsräume, Lebensmittel und vieles mehr gemeinsam. Der Workshopslot zur Vergemeinschaftung der Kommune Volzendorf beschäftigte sich mit den verschiedenen Ebenen der kollektiven, tauschlogikfreien Selbstorganisierung, die vor Ort praktiziert werden. Dazu gehören gemeinsame Arbeitseinsätze, Engagement im Dorf und in der Region, Inklusion und Fluktuation in hierarchiearmen Gruppen, Zeitökonomie, gemeinsame Ökonomie sowie Entscheidungsfindungs- und weitere Gruppenprozesse.

Dank der Unterstützung der Care for Future Stiftung konnten die Referent*innen der Workshops für ihre Arbeit und die investierte Zeit finanziell unterstützt werden. Die Orga-Grupps des diesjährigen Vernetzungstreffens hat sich sehr gefreut, den Teilnehmenden diese Workshops und Führungen ermöglichen zu können.

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